Schildern Sie uns bitte Ihren Werdegang?
Als ich das erste Mal die Frage hörte, glaubte ich mich verhört zu haben. Mit wieviel Mühe hatte ich meine Unterlagen zusammengestellt. Vor meinen Gesprächspartnern lag die Bewerbungsmappe aufgeschlagen. Die Seite mit dem Lebenslauf und dem Paßbild war deutlich zu sehen. Hatte ich eine zu kleine Schrift gewählt? War ich im Kuratorium für Analphabeten gelandet.? Ein Blick über den Tisch überzeugte mich von den ernsthaften Absichten meiner Gesprächspartner.
Nach wie vor gehört die Bitte um eine kurze Vorstellung für viele Personaler zu den unverzichtbaren Ritualen der Eröffnungszeremonie. Ein Warm-up zur Beurteilung der Selbstdarstellung gewissermaßen.
Hin und wieder verunsichern professionelle Bewerbungsberater die ungehemmten Selbstdarsteller unter den Bewerbern mit dem Verdacht, die Personaler wollten auf diese plumpe Art den Wahrheitsgehalt des Lebenslaufes abgleichen. Die Bewerber werden gemahnt, Ihre schriftlich eingereichten Memoiren auswendig zu lernen und peinlichst genau zu rezitieren.
Lassen Sie sich nicht ins Boxhorn jagen! Wenn Sie die Gegenseite zu sehr mit der pingeligen Fragerei nach Jahreszahlen nervt, fragen Sie den Personaler nach dem Geburtstag seiner Frau oder an den letzten Hochzeitstag, an den er sich erinnern kann. Auch Gesprächspartnerinnen können Sie mit gezielten Gegenfragen zum Familienleben gekonnt verwirren.
Im vorgenannten Fall hörte sich der Vertreter des Personalbüros meine komplette Lebensbeichte klaglos an. Im zweiten Gespräch wiederholte sich die Frage, nur die Gesprächspartner wurden ausgetauscht. Beim dritten Termin kamen wir dem Zweck des Termins etwas näher und ich durfte mir meinerseits einen epochalen Abriß der Firmenhistorie anhören. Dann hörte ich mehrere Wochen nichts mehr. Inzwischen hatte ich mich für ein anderes Unternehmen entschieden. Dann, eines Tages, erhielt ich plötzlich völlig unverhofft den Anruf, ob ich ... und wenn dann möglichst bald ..., man habe sich nach Sichtung aller aussichtsreichen Kandidaten entschieden. Kurz, ich könnte zum nächsten Quartal anfangen.
Ein halbes Jahr später wurde der Standort geschlossen.
Seien Sie überzeugt, wer sich zuviel mit Ihrer persönlichen Vergangenheitsbewältigung beschäftig hat entweder zu viel Zeit (sehr verdächtig) oder selbst den Anschluß verpaßt.
Verplempern Sie keine Zeit. Nutzen Sie die Frage zur ausführlichen Erläuterung Ihrer Fähigkeiten, die nicht unbedingt aus der schriftlichen Darstellung Ihres Lebenslaufes ersichtlich sind. Wie Sie sich vor zwanzig Jahren bei der Bedienung Ihrer mechanischen Schreibmaschine den kleinen Finger eingeklemmt haben, geht heute wirklich niemanden etwas an.
Falls Ihre Gesprächspartner anderer Meinung ist, weisen Sie ihn dezent auf die aktuelle Halbwertszeit von Unternehmen hin. Eine kleine Hilfestellung: Der aktuellste Fall einer großen Insolvenz liegt erst zwei Tage zurück. Die Firma heißt Walter Bau und hatte ihren Sitz in Augsburg. Falls Ihre Gesprächspartner mit der Zukunftssicherheit der eigenen Branche kontern, parieren Sie lässig und gekonnt. Bitten Sie Ihre Gesprächspartner die Entstehungsgeschichte dreier Welt-Konzerne Ihrer Wahl zu rekapitulieren. Gut eignen sich EON, Aventis und TUI. Bitten Sie aber vorher um eine kurze Gesprächspause, in der Sie die wichtigsten Termine des Tages abarbeiten können. Ihre Gesprächspartner werden für das zeitliche Zugeständnis dankbar sein.

0 Comments:
Post a Comment
<< Home